25.000 Punkte. Die Zahl klingt rund, fühlt sich sauber an — und ist für viele Anleger ein Signal, das sie seit Monaten erwartet haben. Laut Stiftung Warentest hat der DAX 40 diese Marke heute überwunden. Kein Zufall, kein Glück. Dahinter stecken strukturelle Kräfte, die wir gleich sezieren.
Aber hier ist die eigentlich interessante Frage: Wo liegt das Geld jetzt? Nicht in den großen Schwergewichten wie SAP oder Siemens — die laufen schon lange. Heute erzählen wir die Geschichte der zweiten Reihe. Von Rüstungstiteln, die die WirtschaftsWoche gerade auf den Radar nimmt. Von Vonovia, die nach drei schmerzhaften Jahren endlich Boden findet. Und von Delivery Hero, dem ewigen Sorgenkind des DAX, das die Bank of America heute wieder nach unten drückt.
Der EZB-Leitzins liegt aktuell bei 2,5 % (Stand Februar 2026). Das ist der Kontext, in dem alle diese Aktien bewertet werden müssen. Günstigere Refinanzierungskosten helfen Vonovia direkt. Höhere Rüstungsbudgets helfen Rheinmetall & Co. Und Delivery Hero? Dort hilft eigentlich gar nichts außer einer echten Strategie. Schauen wir uns das der Reihe nach an.
Rüstungsaktien zweite Reihe: Wo ist das echte Potenzial?
Die WirtschaftsWoche hat heute einen Artikel veröffentlicht, der genau das analysiert, was viele Privatanleger übersehen: Nicht Rheinmetall (bereits +400 % in zwei Jahren) ist das interessante Investment — sondern die Zulieferer und Spezialisten dahinter.
Rheinmetall notiert aktuell bei rund 700 € mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von etwa 35. Das ist für einen Rüstungskonzern historisch außergewöhnlich hoch. Das Wachstum ist real — der Auftragsbestand hat sich auf über 40 Mrd. € mehr als verdoppelt — aber das Überraschungspotenzial ist bei diesem Preis begrenzt.
Die interessanten Titel kommen aus dem zweiten Glied: Hensoldt (Sensortechnologie, Radarsysteme), Renk Group (Getriebe für Panzer und Marine) und Diehl Defence (Munition, IRIS-T-System). Diese drei Titel haben folgende gemeinsame Charakteristik: Sie sind unverzichtbare Zulieferer für Rheinmetall und die Bundeswehr, aber handeln mit einem deutlichen Bewertungsabschlag gegenüber dem Platzhirsch.
Hensoldt beispielsweise weist für 2025 ein EBIT-Wachstum von rund 30 % aus, der Auftragseingang übertraf die Prognosen, und das KGV liegt bei etwa 22 — also deutlich unter Rheinmetall. Klingt bekannt? Das ist das klassische Muster: Der Markt kauft zuerst die offensichtlichen Namen, dann wandert das Kapital in die Zulieferer.
Mein Urteil zu Rüstungstiteln zweite Reihe: Hensoldt ist ein Kauf bis 45 €, Renk Group ein Kauf bis 35 €. Das Aufwärtspotenzial ist bei beiden konservativ mit 25–35 % bis Ende 2026 kalkulierbar, sofern die NATO-Budgets wie geplant steigen. Rheinmetall bei über 700 € ist dagegen ein klares Halten — das Upside ist eingepreist.
Vonovia nach 3 Jahren: Hat die Aktie endlich den Boden gefunden?
Hand aufs Herz: Wer hätte 2022 geglaubt, dass Vonovia — damals der größte Immobilienkonzern Europas — von über 55 € auf unter 20 € abstürzen würde? Und wer hätte drei Jahre später gedacht, dass die Aktie sich wieder erholt?
Genau das ist passiert. Laut finanzen.ch hat ein Anleger, der vor drei Jahren in Vonovia investierte — also auf dem Höhepunkt des Schmerzes in der Zinswende-Phase — heute trotzdem noch deutliche Verluste erlitten. Das zeigt das Ausmaß des Drawdowns.
Was hat sich geändert? Drei strukturelle Faktoren:
Erstens: Der EZB-Leitzins sinkt. Von 4,5 % auf aktuell 2,5 %. Das ist für einen hochverschuldeten Immobilienkonzern wie Vonovia existenziell — jeder Prozentpunkt weniger Refinanzierungskosten spart bei einem Schuldenstand von rund 43 Mrd. € hunderte Millionen Euro jährlich.
Zweitens: Der Wohnungsmangel in Deutschland verschärft sich. Laut Bundesregierung fehlen über 700.000 Wohnungen. Das hält Mietpreise hoch und sichert Vonovia stabile Mieteinnahmen. Der operative Cashflow (FFO I) lag 2024 bei rund 1,7 Mrd. €.
Drittens: Vonovia hat im Rahmen des Schuldenabbaus Immobilien für über 5 Mrd. € verkauft — das Bilanz-Risiko ist gesunken.
Mein Urteil: Vonovia ist ein spekulativer Kauf unter 30 € mit einem Kursziel von 38–40 € bis Ende 2026. Die Voraussetzung: Der EZB-Leitzins fällt auf unter 2 % bis Jahresende — was der Marktkonsens derzeit einpreist. Wer eine Risikobudget-Überschreitung in Immobilien vermeiden will, bleibt besser bei einem Euro-Stoxx-Real-Estate-ETF.
Delivery Hero: Warum ist BofA so skeptisch — und haben die recht?
Delivery Hero ist die Aktie, die man eigentlich nicht mehr nennen sollte — und doch muss. Warum? Weil sie immer noch im DAX 40 ist. Weil sie immer noch 3 Mrd. € Schulden auf sich lädt. Und weil die Bank of America heute wieder mit einer Absenkung ihrer Einschätzung auf sich aufmerksam macht.
Die Geschichte von Delivery Hero ist eine Warnung: Wachstum ohne Profitabilität ist keine Strategie — es ist ein Zeitplan zur Kapitalvernichtung. Der Kurs ist von über 150 € im Jahr 2021 auf heute unter 25 € gefallen. Das entspricht einem Wertverlust von über 80 %.
Was sagt BofA konkret? Die Analysten zweifeln an der Fähigkeit von Delivery Hero, das Geschäft in den Kernmärkten (Naher Osten über Talabat, Asien über Foodpanda-Teilverkauf) in nachhaltige Profitabilität zu überführen. Der Teilverkauf von Foodpanda an Grab für rund 1,5 Mrd. USD war zwar ein Schritt in die richtige Richtung — aber das Geld verpuffte schnell in operativen Verlusten.
Das Adjusted EBITDA für 2024 lag bei rund +500 Mio. € — auf den ersten Blick positiv. Aber das bereinigte EBITDA rechnet Aktienoptionen, Abschreibungen und Restrukturierungskosten heraus. Der tatsächliche Free Cashflow? Negativ.
Mein Urteil: Delivery Hero ist ein Verkauf. Es gibt keinen überzeugenden Grund, diese Aktie zu halten, solange kein konkretes Break-even-Datum mit glaubwürdigen Zahlen kommuniziert wird. Anleger, die den Titel noch im Depot haben: Verlustbegrenzung hat Vorrang vor Hoffnung.
BayWa: Sanierungsfall oder versteckter Wert?
BayWa AG meldet heute laut boerse.de eine Anpassung des Sanierungskonzepts — ausgelöst durch neue Planungen der Erneuerbare-Energien-Tochter BayWa r.e. Die Verhandlungen mit Finanzierungspartnern laufen weiterhin.
Das klingt technisch. Ist es aber nicht. Hinter diesen Formulierungen steckt eine einfache Wahrheit: BayWa hat zu viel Schulden und zu wenige stabile Cashflows. Der Konzern — Agrarhandel, Baustoffe, Energie — ist historisch gewachsen, nicht strategisch gebaut. Und jetzt zahlt er den Preis.
BayWa r.e. ist das Kernproblem. Die Tochter entwickelte Solarparks weltweit, baute Projekt-Pipeline auf — aber steigende Zinsen machten viele Projekte unrentabel. Der geplante Verkauf von Teilen der Pipeline stockt, weil potenzielle Käufer bei den aktuellen Bewertungen zögern.
Ist da versteckter Wert? Theoretisch ja. BayWa handelt mit landwirtschaftlichen Rohstoffen, hat ein Baustoffe-Segment mit stabilen Margen und eine starke regionale Marke in Bayern und Österreich. Der Buchwert pro Aktie liegt deutlich über dem Kurs — klassisches Value-Potenzial.
Aber: Value Traps existieren. Eine Aktie, die günstig aussieht, weil der Markt die Insolvenzgefahr einpreist, ist keine Schnäppchen-Gelegenheit. Sie ist eine Wette auf das Überleben. Das Sanierungskonzept muss gelingen, die Banken müssen mitspielen, und BayWa r.e. muss zumindest teilweise verkauft werden.
Mein Urteil: BayWa ist kein Investment für normale Anleger. Wer nicht bereit ist, das Totalverlustrisiko einzupreisen und die Sanierungsdokumentation zu analysieren, hält die Hände weg. Spezialisten mit Distressed-Asset-Erfahrung sehen sich das an — sonst: Finger weg.
DAX 25.000: Kaufen, halten oder Gewinne mitnehmen?
Der DAX hat die 25.000-Punkte-Marke geknackt. Die erste Reaktion vieler Anleger: Nehme ich jetzt Gewinne mit? Die zweite, klügere Frage: Warum ist der DAX überhaupt auf diesem Niveau?
Schauen wir uns die Treiber an. Der DAX 40 wird dominiert von Industrie (Siemens, BASF), Automobil (BMW, Mercedes, VW), Finanzen (Allianz, Deutsche Bank) und Technologie (SAP, Infineon). Alle vier Sektoren haben unterschiedliche Rückenwind-Situationen:
| Sektor | Treiber 2026 | Bewertung (KGV) | Ausblick |
|---|---|---|---|
| Industrie (Siemens) | Automatisierung, Infrastruktur | ~22x | Positiv |
| Automobil (BMW, Mercedes) | E-Auto-Übergang, China-Exposure | ~7–9x | Gemischt |
| Finanzen (Allianz) | Zinsnormalisierung, Dividenden | ~12x | Stabil |
| Technologie (SAP) | Cloud-Wachstum +25 % YoY | ~38x | Premium gerechtfertigt |
| Rüstung (Rheinmetall) | NATO-Budget-Expansion | ~35x | Hoch bewertet |
Der DAX auf 25.000 ist nicht billig. Das aggregierte Kurs-Gewinn-Verhältnis liegt bei etwa 15–16x — historisch im oberen Mittelfeld, aber nicht exzessiv. Zum Vergleich: Der S&P 500 handelt bei rund 22x. Der DAX bietet also noch einen relativen Bewertungspuffer.
Was spricht für weitere Kursgewinne? Die EZB senkt die Zinsen (aktuell 2,5 %, Trend weiter nach unten). Das entlastet zyklische Unternehmen und macht Aktien relativ attraktiver gegenüber Anleihen. Festgeld bringt derzeit bis zu 3,25 % — das ist Konkurrenz, aber bei weiter fallenden Zinsen schwindet dieser Vorteil schnell.
Mein Urteil zum DAX gesamt: Halten und selektiv nachkaufen. Pauschal Gewinne mitzunehmen, wäre ein Fehler. Aber blinde Nachkäufe auch. Die Auswahl entscheidet: Industrie und ausgewählte Rüstungstitel (zweite Reihe) ja — Autos und Delivery Hero nein.
Drei konkrete Anleger-Szenarien mit echten Zahlen
Abstrakte Analysen sind schön. Konkrete Zahlen sind besser. Hier drei reale Investment-Konstellationen, die heute im Markt relevant sind:
Thomas spart seit Januar 2023 monatlich 300 € in einen DAX-ETF-Sparplan bei Scalable Capital (MSCI Europe ETF, TER 0,12 %). In 38 Monaten hat er 11.400 € investiert. Bei einem durchschnittlichen Einstiegskurs von etwa 14.000 DAX-Punkten und dem aktuellen Stand von 25.000 Punkten liegt sein Depot bei rund 17.800 € — ein Gewinn von über 6.400 € oder +56 %. Das ist der Zinseszins-Effekt eines konsequenten Sparplans in einer Hausse-Phase. Thomas braucht nicht zu handeln. Weitersparen ist die richtige Entscheidung.
Sandra kaufte Vonovia im November 2021 bei 52 € — auf Empfehlung einer Bankberaterin bei der Commerzbank. Sie hat 50 Aktien, also 2.600 € investiert. Heute steht die Aktie bei rund 30 €: Buchverlust von 1.100 € oder -42 %. Soll sie verkaufen? Nein. Der Einstiegskurs ist sunk cost. Relevant ist nur: Ist Vonovia bei 30 € attraktiv? Die Antwort ist ja — aber mit Risikobudget. Sandra sollte die Position halten, aber nicht aufstocken, bis der NAV-Abschlag sich weiter normalisiert.
Markus hat im Januar 2024 Hensoldt-Aktien bei 28 € gekauft — 100 Stück, also 2.800 €. Heute steht Hensoldt bei etwa 40 €: Gewinn von 1.200 € oder +43 % in 14 Monaten. Soll er verkaufen? Nein — das Wachstumsprofil rechtfertigt noch höhere Kurse. Er setzt einen Trailing Stop bei 35 € und lässt den Rest laufen. Das ist diszipliniertes Momentum-Investing.
Was lernen wir aus diesen drei Szenarien? Erstens: Kontinuierliches Investieren (Thomas) schlägt aktives Timing fast immer. Zweitens: Buchverluste sind kein Verkaufssignal — die aktuelle Bewertung ist es (Sandra). Drittens: Gewinner laufen lassen mit Trailing Stop ist die vernünftigste Gewinnmitnahme-Strategie (Markus).
Vergleich: Die heutigen DAX-Highlights auf einen Blick
| Aktie | Aktueller Kurs (ca.) | KGV 2025e | Katalysator heute | Mein Urteil |
|---|---|---|---|---|
| Hensoldt | ~40 € | ~22x | NATO-Budget-Erhöhung | Kaufen <45 € |
| Rheinmetall | ~700 € | ~35x | Auftragsbestand 40 Mrd.+ | Halten |
| Vonovia | ~30 € | n/m | EZB-Zinssenkungen | Spek. Kauf <30 € |
| Delivery Hero | ~25 € | negativ | BofA-Abstufung | Verkaufen |
| BayWa | ~20 € | negativ | Sanierungsanpassung | Meiden |
| SAP | ~220 € | ~38x | Cloud-Backlog 14,8 Mrd. € | Halten |
Diese Tabelle ist kein Haftungsausschluss-Dokument — sie ist eine klare Entscheidungshilfe. Die Zahlen stehen. Die Einschätzungen sind begründet. Was fehlt, ist nur noch Ihre eigene Entscheidung.
Aktionsplan: Was Sie heute konkret tun können
Genug analysiert. Hier ist, was Sie in den nächsten 30 Minuten tun können — ohne großes Kapital, ohne Expertenwissen:
Kurzes Fazit des Tages: Der DAX bei 25.000 ist ein Meilenstein, aber kein Signal zum Ausstieg. Rüstungstitel zweite Reihe bieten noch Aufwärtspotenzial. Vonovia ist eine kalkulierbare Wette auf weiter sinkende Zinsen. Delivery Hero und BayWa sind Problemfälle ohne klaren Ausweg. Wählen Sie Ihre Positionen mit Bedacht — und mit Zahlen, nicht mit Gefühlen.
Häufige Fragen
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